Home Amerika Kalifornien: Vom Millionär zum Tellerwäscher

Kalifornien: Vom Millionär zum Tellerwäscher

von Stefan Mey

Die kalifornische Sonne scheint hell herab auf die schillernden Unternehmerpersönlichkeien des Landes. Wer hier eine Idee hat und sie gut vermarkten kann, der hat recht schnell einen Betrag von sechs Nullen auf seinem Konto liegen – denn Geber von Risikokapital gibt es hier viele, und sie investieren nur jene Summen, die ein Ausrollen der Idee auf den gesamten US-Markt möglich machen. Programmierer sind hier schwer zu finden – und wenn doch, dann muss ein Arbeitgeber dafür mal gut 120.000 Dollar Brutto pro Jahr hin legen. Und ein Business Developer kostet 60.000 Dollar Grundgehalt pro Jahr – mit Erfolgsprovision kann sich das Grundgehalt mal rasch verdoppeln. Land der Chancen, Land der Möglichkeiten? Jein.

Denn zweierlei sollte man hier nicht machen. Kinder kriegen und/oder krank werden. Ein Nachwuchs kann Dir nämlich ordentlich auf der Tasche liegen, wenn Du ihm eine Ausbildung ermöglichen möchtest: Die Schule kostet rund 1500 Dollar im Monat, ein Platz auf der Uni kommt auf 50.000 Dollar im Jahr – angesichts solcher Zahlen ist es schon fast belustigend, dass in Österreich wegen rund 350 Euro pro Semester die Universitäten brannten. Wer viel zahlt, akzeptiert auch eine kürzere Ausbildung: Während bei uns der Bachelor-Titel noch immer um Akzeptanz ringt, studiert man hier gerne kürzer, um dann bald Geld verdienen zu können, statt Papa weiter auf der Tasche zu liegen.

Jeder Mitarbeiter hat hier zwölf bis vierzehn Tage Urlaub pro Jahr. Wird er krank, so kann er nicht in Krankenstand gehen, stattdessen wird die Abwesenheit vom Urlaub abgezogen. Danach geht er in „Disability“, bekommt also nur einen Bruchteil seines Gehalts. Private Krankenversicherung ist ein absolutes Muss – und dieses Unternehmen kalkulieren hart: „Meinem Sohn wurde die Krankenversicherung gekündigt, dabei ist er ja nicht mal krank“, zitiert mir ein Österreicher seine amerikanische Bekannte. Lassen Sie diesen Satz mal sickern… Genau: Ist man zu lange krank und kostet die Versicherung zu viel Geld, kann diese den Vertrag kündigen. Dann blecht man selbst ordentlich, kann nicht arbeiten, verdient weniger Geld – und irgendwann werden dann auch noch die nicht-existenten Kündigungsfristen bei Miete und Arbeit schlagend. Hallo Armutsfalle.

Die Arbeitslosigkeit im Valley liegt bei zehn Prozent. Wer seine Leistung erbringt, kann viel Geld verdienen – aber wer stecken bleibt, für den gibt es keine Hilfe. Grund dafür, warum man nicht raucht, kaum Alkohol trinkt, selten Motorräder auf der Straße sieht (Unfallgefahr!) und sich nach Möglichkeit gesund ernährt: Wer sich dennoch mit fettigem Fastfood voll stopft, kann sich oft nichts Besseres leisten – wohl mit ein Grund dafür, warum man auf den Straßen nur entweder extrem fette Menschen oder ultra-hippe Super-Bobos sieht. Für die obere Mittelschicht ist das Ganze schließlich ein Nullsummenspiel: Zwar sind die Nettogehälter in Europa wegen Steuern und Sozialversicherung bei uns deutlich niedriger als im Westen – durch die zusätzlichen Kosten gleicht sich aber alles wieder aus.

Welches System ist besser? Das kommt wohl auf die jeweilige Situation an. High-Performer, die niemals krank werden und keine Kinder planen sind in den USA definitiv besser dran. Wer aber nicht wegen eines Motorradunfalls in der Armutsfalle landen will, der muss wohl auch damit leben, dass er den einen oder anderen Sozialschmarotzer mit finanzieren muss. Besser per se ist keines der beiden Systeme – sie helfen bloß unterschiedlichen Zielgruppen.

Teile diesen Beitrag
0 Kommentar

Auch interessant:

Kommentar schreiben

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu

*

Vom Millionär zum Tellerwäscher

von Stefan Mey

Die kalifornische Sonne scheint hell herab auf die schillernden Unternehmerpersönlichkeien des Landes. Wer hier eine Idee hat und sie gut vermarkten kann, der hat recht schnell einen Betrag von sechs Nullen auf seinem Konto liegen – denn Geber von Risikokapital gibt es hier viele, und sie investieren nur jene Summen, die ein Ausrollen der Idee auf den gesamten US-Markt möglich machen. Programmierer sind hier schwer zu finden – und wenn doch, dann muss ein Arbeitgeber dafür mal gut 120.000 Dollar Brutto pro Jahr hin legen. Und ein Business Developer kostet 60.000 Dollar Grundgehalt pro Jahr – mit Erfolgsprovision kann sich das Grundgehalt mal rasch verdoppeln. Land der Chancen, Land der Möglichkeiten? Jein.

Denn zweierlei sollte man hier nicht machen. Kinder kriegen und/oder krank werden. Ein Nachwuchs kann Dir nämlich ordentlich auf der Tasche liegen, wenn Du ihm eine Ausbildung ermöglichen möchtest: Die Schule kostet rund 1500 Dollar im Monat, ein Platz auf der Uni kommt auf 50.000 Dollar im Jahr – angesichts solcher Zahlen ist es schon fast belustigend, dass in Österreich wegen rund 350 Euro pro Semester die Universitäten brannten. Wer viel zahlt, akzeptiert auch eine kürzere Ausbildung: Während bei uns der Bachelor-Titel noch immer um Akzeptanz ringt, studiert man hier gerne kürzer, um dann bald Geld verdienen zu können, statt Papa weiter auf der Tasche zu liegen.

Jeder Mitarbeiter hat hier zwölf bis vierzehn Tage Urlaub pro Jahr. Wird er krank, so kann er nicht in Krankenstand gehen, stattdessen wird die Abwesenheit vom Urlaub abgezogen. Danach geht er in „Disability“, bekommt also nur einen Bruchteil seines Gehalts. Private Krankenversicherung ist ein absolutes Muss – und dieses Unternehmen kalkulieren hart: „Meinem Sohn wurde die Krankenversicherung gekündigt, dabei ist er ja nicht mal krank“, zitiert mir ein Österreicher seine amerikanische Bekannte. Lassen Sie diesen Satz mal sickern… Genau: Ist man zu lange krank und kostet die Versicherung zu viel Geld, kann diese den Vertrag kündigen. Dann blecht man selbst ordentlich, kann nicht arbeiten, verdient weniger Geld – und irgendwann werden dann auch noch die nicht-existenten Kündigungsfristen bei Miete und Arbeit schlagend. Hallo Armutsfalle.

Die Arbeitslosigkeit im Valley liegt bei zehn Prozent. Wer seine Leistung erbringt, kann viel Geld verdienen – aber wer stecken bleibt, für den gibt es keine Hilfe. Grund dafür, warum man nicht raucht, kaum Alkohol trinkt, selten Motorräder auf der Straße sieht (Unfallgefahr!) und sich nach Möglichkeit gesund ernährt: Wer sich dennoch mit fettigem Fastfood voll stopft, kann sich oft nichts Besseres leisten – wohl mit ein Grund dafür, warum man auf den Straßen nur entweder extrem fette Menschen oder ultra-hippe Super-Bobos sieht. Für die obere Mittelschicht ist das Ganze schließlich ein Nullsummenspiel: Zwar sind die Nettogehälter in Europa wegen Steuern und Sozialversicherung bei uns deutlich niedriger als im Westen – durch die zusätzlichen Kosten gleicht sich aber alles wieder aus.

Welches System ist besser? Das kommt wohl auf die jeweilige Situation an. High-Performer, die niemals krank werden und keine Kinder planen sind in den USA definitiv besser dran. Wer aber nicht wegen eines Motorradunfalls in der Armutsfalle landen will, der muss wohl auch damit leben, dass er den einen oder anderen Sozialschmarotzer mit finanzieren muss. Besser per se ist keines der beiden Systeme – sie helfen bloß unterschiedlichen Zielgruppen.

Teile diesen Beitrag
0 Kommentar

Auch interessant:

Kommentar schreiben

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu