Home Amerika Silicon Valley, hautnah.

Silicon Valley, hautnah.

von Stefan Mey

In Mountain View, dem Hauptsitz des Google-Imperiums in Silicon Valley, gibt es ein kleines Café namens „Red Rock“ .Hier sitzen die Gründer von Tech-Start-ups vor ihren Laptops, während sie Muffins futtern und Kaffee schlürfen-die Mark Zuckerbergs von morgen konzipieren, programmieren oder zeichnen Logos. Auf einem Whiteboard sind Events und Networking-Termine markiert. Als ich das Café verlasse, spricht mich eine Dame an: Was ich denn beruflich mache? Auf die Antwort, ich sei Journalist und schreibe einen Artikel über Start-ups in Silicon Valley, wünscht sie mir noch einen guten Tag und eilt davon. „Sie wollte bloß freundlich prüfen, ob du beruflich für sie ein interessanter Kontakt bist“ ,erläutert Martin Sprengseis, Geschäftsführer von BlueSource. Networking ist hier über LinkedIn ebenso möglich wie spontan auf offener Straße.

Sprengseis trägt die Einheitskleidung des Silicon Valley: T-Shirt, Jeans, Sonnenbrille. Gründer kleiden sich genau so wie die Venture Capital-Geber, die nicht selten Überlebende der ersten Internetblase sind und ein paar Milliarden auf dem Konto liegen haben. In Silicon Valley treffen beide Gruppen aufeinander-die Gründer brauchen Geld, die Venture Capital-Geber (VCs) wollen es investieren.

Die Wege kreuzen sich, wo Sprengseis und andere österreichische Unternehmer ihr Quartier aufgeschlagen haben: Im „Plug and Play Tech Center“ in Sunnyvale, dem Nachbarort von Mountain View. Hier sitzen rund 250 Unternehmen auf einem Fleck, mit jeweils ein bis 50 Mitarbeitern; 30 bis 40 Unternehmen kommen aus dem Ausland. Die Atmosphäre ist alles andere als romantisch, sondern typisch amerikanisch: In grauen „Cubicles“ werkelt jeder vor sich hin, die Fenster sind abgedunkelt, den ganzen Tag gibt es nur Neonlicht. „Manchmal arbeitet man bis spät in die Nacht und merkt nicht, wie viel Uhr es ist“ ,sagt Hansjörg Posch, Gründer von tunesBag. An den Wänden in der Lobby hängen die Logos zahlreicher Firmen, die einen erfolgreichen „Exit“ hinter sich haben-also von VCs oder Konzernen gekauft wurden. Unter zahlreichen No-Names findet sich unter anderem Paypal.

Motivation pur

Gerade haben wieder zwei Start-ups einen Exit geschafft-und das wird gefeiert: Bei Pizza und Bier trifft man sich in einer Kantine, und eine Dame Mitte 40 heizt die Unternehmer an: „Wenn Ihr eine heiße Firma sein wollt, braucht Ihr ein heißes Produkt, eine heiße Strategie und heißes Leadership“ ,jubelt sie ins Mikrofon-und zeichnet eine Firma anschließend mit dem „Hot Company of the Week“-Award aus-das Äquivalent zum „Employee of the Month“ in einem Land, in dem mal rasch alles „awesome“ und „terrific“ ist. Das „Plug and Play“ ist mehr als ein Großraumbüro, sondern ein Inkubator-hier werden die Gründer bewusst mit VCs zusammengeführt, und sie geben einander auch Feedback und vernetzen sich. Nach der Pizza geht es auf eine Pool-und Grillparty in Palo Alto-der Portugiese grillt, der Belgier beantwortet indes Mails auf dem iPad, im Whirlpool sitzend.

Dass Österreicher den Sprung ins Zentrum der IT-Welt schaffen, wird durch die Technologieinitiative „Go Silicon Valley“ der AWO ermöglicht. Nachdem Firmen die Bewerbung in Österreich bestanden haben, finanziert die Kammer einen Workshop, sowie drei Monate Büromiete und ermöglicht Betreuung. Gestartet wurde 2010, im ersten Jahr waren 20 High Potentials in den USA. Derzeit nutzen fünf Firmen bis Ende Juni die Möglichkeit. „Wir haben in Österreich viele innovative Unternehmen“ ,sagt Rudolf Thaler, österreichischer Wirtschaftsdelegierter-Stellvertreter in Los Angeles. Sie treten im hart umkämpften Markt selbstbewusst auf und betonen stets, dass sie mit ihren Ideen weltweite Marktführer sind. Das ist nicht immer einfach: „Hier leiden alle ein wenig an ADS“ ,witzelt Posch. Denn ein VC muss pro Tag mit rund 20 Pitches kämpfen, jeder Gründer buhlt um seine Aufmerksamkeit. Erfolg hat, wer in ein bis zwei Minuten sein Gegenüber überzeugen kann-keine Spur vom österreichischen „Schau‘ ma mal und dann geh ma auf an Kaffee“. VCs wollen laut Thaler vor allem wissen, wie groß der Markt ist, welchen Anteil die Firma hat, wie stark das Team ist und wie viel Geld nötig ist. Erst dann bekommt man einen zweiten Termin; technische Details sind sekundär: „Meine App, also das eigentliche Produkt, habe ich bisher erst zwei Mal hergezeigt“, sagt Sprengseis. Dafür ist das Feedback hart und direkt, aber nützlich: Geschäftsideen werden auf Herz und Nieren geprüft. „Wer sich hier präsentieren kann, der kann es überall“ ,schließt Thaler.

Manche sind aber auch gar nicht auf VC-Jagd: Die Kärntner Silke Telsnig und Emanuel Pirker von Stratodesk wollen sich zuerst einen Markt aufbauen, bevor sie Fremdkapital in ihre Firma lassen-auch dafür ist das Tal besser geeignet als das heimatliche Klagenfurt.

Dieser Beitrag erschien 2011 im „WirtschaftsBlatt“, dem damaligen Arbeitgeber des Autors.

 

Das Plug-and-Play, Außenansicht.

So romantisch schaut’s dann drinnen aus.

Martin Sprengseis und Hansjörg Posch

Silke Telsnig und Emanuel Pirker

Das Café, in dem so manche Geschichte beginnt

Diese Werbung für Firefox am Bahnhof in San Francisco passt wie die Faust auf’s Aug‘.

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